Weimar im Wandel

Die Transition-Town-Initiative für Weimar.

Die Lottewanderung

Am 22.09. starteten wir mit Rad und Wagen im Gepäck unsere zweite Wasserwanderung dieses Jahr. Vom Berkaer Bahnhof fuhren wir mit dem Zug nach Nohra, überquerten dort die Gleise und standen plötzlich auf freiem Feld und die Sonne brach zwischen den Wolken hervor. Vor uns breitete sich die Senke, die bis nach Weimar hinein führt und an deren tiefster Stelle sich ein Bachlauf befindet.

Auf der Karte ist dieser schon hier oben als „Lotte“ bezeichnet.  Auf einem nahen Privatgrundstück ist ein Quell-Ort zu erkennen, der als eine Lotte-Quelle gelten mag. Jetzt lief oder tröpfelte dort allerdings erkennbar nichts – im Frühjahr noch konnte man das dort fließende Wasser sehen. Jetzt führt auch der Bachgraben in diesem Bereich kein Wasser. Ein Kleingärtner in der nahen „Lottetal-Gartensparte“ entgegnete uns trocken:  „Von Mai bis September fließt hier kein Wasser“

Wir sprachen auch über Quellpflege: Wieviel „Licht der Öffentlichkeit“ verträgt eine Quelle? Negativbeispiel ist etwa das „Gottesbrünnlein“ in Bad Berka mit der Entfernung der Verschattung des angrenzenden Teichs und der Wegnahme von Bäumen am oberen Bachlauf im Wald zur Errichtung einer Raststätte ohne Toilettenanlagen und Errichtung eines Kneipp-Weges aus Edelstahl. Unser Ziel: eine sorgsame, naturnahe Gestaltung. Diese Lotte-Quelle ist auf einem Privatgrundstück zu unserer Freude gut gepflegt und von hohen Bäumen umgeben.

Der Weg des Gewässers oben in den Feldern ist wenig verschattet. Es gab keine Bäume, die dort hätten für Mikrokreisläufe sorgen können. Wichtig wäre ein Saum, der für Verschattung und Feuchtigkeitshaushalt sorgt.

Dazu fiel uns die Geschichte eines Mannes ein, der über lange Jahre unzählige Eicheln steckte und so über Jahrzehnte eine karge Einöde in einen lebendigen, kraftvollen Wald verwandelte. (Quelle: Gerhard Schöne – CD „Seltsame Heilige“ oder auch ein Buch…?) Unsere Bitte gilt den Bauern, den Rand ihrer Felder wieder der Natur zu lassen.

Als schließlich irgendwo in der Sparte unter einer der Brücken Wasser sichtbar war, gingen einige direkt am/im Bach entlang, wurden aber nach nur kurzer Wegstecke von Dorngestrüpp und Wildwuchs gestoppt, und Wasser war dann auch keines mehr zu sehen.

Schließlich gelangten wir an die so genannten Deinhardtsteiche, die früher zwei Weimarer Brauereien mit Wasser belieferten. Aus diesen floss ein Bach weiter Richtung Forellenzucht, in den kurz nach den Teichen der Kirschbach mündete.

In der Forellenzucht erklärte uns der Betreiber Herr Kluss, wie er in ganz Thüringen nach geeigneten Bedingungen für eine solche Anlage gesucht und sie hier gefunden hatte: Die nahegelegene, seine Anlage speisende Quelle ist mit 17 l /Sekunde Wasserausstoß recht ergiebig und weist eine konstante Wassertemperatur von 10 Grad Celsius auf. Dies sei auch die eigentliche Lotte-Quelle, so Herr Kluss, der weiter oben gelegene Bachlauf eher ein Entwässerungsgraben und überwiegend von Regenwasser gespeist.

Wir konnten diese Quelle nun leider nicht direkt in Augenschein nehmen weil sie sich auf einem außerhalb der Forellenzuchtanlage gelegenen Pachtgrundstück befindet. Ich entschied, aufgrund von Hunger, kühlem Wind und unruhigen Kindern, zunächst einen Picknick- und Spielplatz aufzusuchen.

Entlang des dann vitalen, gefüllten Bachlaufes, vorbei am Standort der ehemaligen Wallendorfer Mühle gelangten wir an einen Spielplatz kurz vor dem Beginn der Kanalisierung des Lotte-Baches und machten eine Rast mit Picknick – mit einem wunderbaren Salat von Bettina. Wir konzentrierten uns auf den historischen Bachlauf und verloren das heutige fließende Gewässer bewusst aus den Augen, um in die Geschichte hineinzuspüren.

Auf altem Kartenmaterial sieht man, wie der Bach von Westen her der mittelalterlichen Stadt zufloß. Aber wo befand sich der ursprüngliche Lottenlauf im Stadgebiet? Es gibt immer wieder verschiedene Infos zum Thema. Ich stütze mich auf die Forschungen Axel Stefeks (Abwasseramt Weimar), der sehr umfangreich dazu gearbeitet hat, verschiedene Quellen genau analysiert und seit Jahren kleinere Artikel veröffentlicht. Aktuell soll ein Buch über die ganzen Stadtbäche Weimars erscheinen.

In den wenigen erhaltenen Plänen der mittelalterlichen Stadt durchzieht ein verzweigtes Netz von Wasserwegen die Stadt. Die Menschen hatten das Laufbrunnensystem (Quellen im Paradies und Kirschbachtal mit sichtbaren Quellstuben) zum Trinken und nutzten das weitverzweigte Lottenwasser zum Löschen, für Gewerke wie Gerberei, zu Reinigungszwecken usw. Außer dem Schlossbrand kurz vor Goethes Ankunft sind in Weimar keine größeren Brände in früheren Zeiten zu verzeichnen.

Neben der erwähnten Wallendorfer Mühle gab es die „Lottenmühle“, deren Gebäude heute das katholische Pfarramt beherbergt (in der dortigen Toilette ist noch der Mühlstein zu sehen) und die „Federwischmühle“ (am Sophienstiftsplatz) und, dann schon sehr nahe der Ilm, die Bornmühle. Stefek schreibt, dass sich die Bäche nicht frei und ungefasst ihre Wege durch die Gassen suchten, wie das auch immer mal wieder behauptet wird, das Wasser war also gelenkt.

Während unseres Picknicks erfuhren wir viel zur Geschichte der Lotte in der Stadt:

So leitet sich wohl auch der Name der Lotte ab: Es gab Luttenmeister oder Lottenmeister – die die Gewässer sauber hielten oder zumindest den Versuch unternahmen. Es gibt einen Terminus aus dem Bergbau: „Lotten“ oder „Lutten“, dieser bezeichnet  viereckige aus Brettern zusammen geschlagene hölzerne Kanäle. Dies könnte ein Hinweis auf den Namen der Lotte sein, die ja auch künstlich in der Stadt verteilt wurde. Zu erahnen noch auf dem Platz vor dem Hababusch Hotel.

Um 1760 sind die offenen Lottenarme mit Natursteinen gefasst und überwölbt worden, waren aber wohl weiterhin relativ leicht zugänglich

Ab 1880 wurden die Natursteine durch ein Netz moderner Rohrmaterialien ersetzt. Seitdem kommt man nicht mehr so einfach an das Wasser heran.

An den natürlichen geologischen Gegebenheiten (abfallendes Gelände) lässt sich der natürliche Hauptlauf der Lotte nachvollziehen und deren Umleitungen in verschiedene Seitenarme. Der Abschnitt Wittumspalais – Marktstraße – Schloßgasse entspricht demnach im wesentlichen dem natürlichen Verlauf, während der der Bereich des Schützengrabens (heute Schillerstraße/Puschkinstraße) nahezu das gleiche Höhenniveau über die Strecke von Sophienstiftsplatz bis zum Grünen Schloß (heute Anna-Amalia-Bibliothek) hält – ein Hinweis auf einen künstlichen Graben- das Wasser wäre nördlich weggeflossen, wenn der Graben nicht so tief gewesen wäre.

Nach dieser Vertiefung in die Geschichte spazierten wir weiter- zu der Stelle, wo die Lotte in den Untergrund geht. (Jahnstraße/Paul-Schneider-Straße) Hier roch es sehr unangenehm. Wir hörten die Lotte noch unter mehreren Gullideckeln unter der Paul-Schneider-Straße rauschen und brausen.

Der Fluß wird unterirdisch weiter bis zum Busbahnhof geführt, bevor er die Coudray-Straße entlang in das Schwanseebad, in den Weimarhallenpark und in den Asbach mündet. (seit dem Bau der dortigen Freizeitanlagen 1920)

Wir verließen also die gegenwärtige Lotte und folgten dem historischen Lauf:

Obwohl die Gewässer hier nicht mehr lang fließen, ist Wasser immer wieder ein starkes Thema für Gebäude hier in der Nähe des alten Bachlaufes.

Ein Beispiel: Am Sophienstiftsplatz wurde eine neue Turnhalle gebaut, ein großer, rechteckiger Klotz. Diese stellt mit ihrem Fundament ein vorher nicht berücksichtigtes Hindernis für das Wasser dar. Da hilft auch ein zeitweiliges Abpumpen des Grundwassers und die damit einhergehende Senkung des Grundwasserspiegels nichts. Aktuell gibt es seit dem Bau der Turnhalle Wassereintritt im Theater, wo über eine zusätzliche kostenintensive Sanierung nachgedacht wird. Das Theater selbst steht auf  1860 Eichenpfählen (die sehr tief bis ins Travertin reichen, Untergrund: Löß, Lehmmischung mit Travertin)

Im Keller der Crepérie (Windischengasse) steht auch aktuell immer wieder das Wasser.

Wir gehen dem wahrscheinlich ursprünglichen Verlauf der Lotte folgend weiter über den Lotte-Hauptverteiler auf dem Theaterplatz, wo das Wasser auch nach links und rechts geleitet wurde („Geleitstraße“). Am Bauhausspielplatz vorbei, vorbei auch am ehemaligen Kloster weiter zum Donndorfbrunnen, wo diagonal kreuzende Platten den mittelalterliche Kanalabschnitte bedecken, das letzte sichtbare Zeugnis des Lotten-Kanal-Systems. Hier führte der Kanal in die Rittergasse.

Lässt man sich vom Spielplatz kommend, von der Geländemodulation führen mit dem Rad rollen, kommt man in die bis 1876 auch Breite Straße und Breite Gasse genannte heutige Marktstraße. Hier war das natürliche Flussbett flach und verhältnismäßig breit.

Unter dem Naturkinderladen in der Windischengasse soll sich damals eine jüdische Mikwe befunden haben, die mit Grundwasser gespeist wurde.

Der Bach begrenzte das als Keimzelle der späteren Stadt bezeichnete Gelände nach Süden und teilte sie später in zwei Stadtteile (altes nördliches und neueres südliches Stadtgebiet). Hier bildete die Lotte wie der Asbach eine natürliche Grenze, die ein gewisses Hindernis darstellte. Der andere Kanal der vom Lottehauptverteiler in die heutige Schillerstraße führte, schlängelte sich weiter ein Stück durch die Windischengasse über den Markt. Da das Rathaus dazumal weit mehr Raum auf dem Platz einnahm, wurde das Wasser um dieses eckig weit in den Platz hineinragendes Bauwerk herumgeführt.

In der Marktstraße zog es uns kurz in einen temporär bespielten Laden. Frauen, die sich ehrenamtlich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen und dies Kindern spielerisch vermitteln wollen, hielten verschiedene Angebote bereit, zufällig speziell zum Thema Wasser, den Stadtbrunnen und dem Schwanseebad.

Am Ende der Marktstraße ging damals nach links (Höhe Kaufstraße) der Mühlkanal ab. Die Lotte selbst beschrieb mit der Schlossgasse eine bogenförmige Linie. Hier am Bromberg soll sich das älteste Siedlungszentrum Weimars befunden haben mit Badestube, Quelle und der erwähnten Born-Mühle.

Wir liefen noch wieder bis ungefähr zu der Stelle, wo die Lotte einmal in die Ilm gemündet hat.

FAZIT

Es war eine Tour, bei der wir im Stadtraum mehr mit der Geschichte als mit dem Bach selber zu tun hatte. Die stärksten Momente waren allerdings tatsächlich die, wo wir noch das eigentliche Wasser in irgendeiner Form multisensuell wahrnehmen konnten: behütet und friedlich an der Quelle in Nohra, quicklebendig in der Forellenzuchtanlage, kraftvoll fließend an der ehemaligen Wallendorfer Mühle, selbst noch brausend im Untergrund.

Es war für mich auch eine Tour der Desillusionierung. Die anfängliche Vision wandelte sich im letzten halben Jahr bei mir persönlich zu einer Begeisterung für die Stadtgeschichte, die ich so gern auch weitergeben wollte. Es ist aber so, dass die Bäche wohl soweit unten bzw. verlegt liegen, dass ein einfaches Öffnen nicht wahrscheinlich ist.

Der nächste Schritt erscheint nun: ein Erinnern.

Etwas transparent zu machen, was mal irgendwie da war, stärkt sicher die mentale Verbundenheit mit einem Ort, aber man kennt das ja aus dem üblichen Umgang mit Geschichte und ich finde, dass diesem eine gewisse Fadheit innewohnt, wenn kein echtes Wasser mehr fließt. (Oder? An alle…)

Bezüglich der Bäche habe ich aber das Gefühl, das, wo ein Bedürfnis ist, auch ein Weg ist, sie für uns Menschen präsenter zu machen. Und sich einfach auch ihrer anzunehmen, sie nicht nur zu nutzen, sondern auch für sie zu sorgen.

So gilt es erstmal, den letzten der drei Stadtbäche, den Wilden Graben, ebenfalls zu Fuß laufend erforschen, und ein körperliches Gefühl dafür zu bekommen, wo dieser entlang fließt. Danach können die bisher entstandenen Problemstellungen und Ideen zusammengetragen und ein Fokus gesetzt werden, wie es weitergehen kann.

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4 Gedanken zu „Die Lottewanderung

  1. Rosemarie sagte am :

    Danke für den ausführlichen, sehr informativen und engagierten Artikel samt der schönen Bebilderung von der Lotte-Erkundung. Das Lesen und Bilder-Schauen tröstet darüber hinweg, dass ich nicht teilnehmen konnte.

  2. Manuela sagte am :

    Vielen Dank, Andreas, für die schönen Visualisierungen und Fotos!

  3. Bettina sagte am :

    Vielen Dank nochmal an Manu für die Erweiterung des Blicks auf Altbekanntes und alles spannende Neue! und für das – nicht ganz repräsentative – Salatkompliment: das nächste Mal werde ich auch Fingerfood mitbringen, damit alle Schüssellosen auch mitessen können 🙂

  4. Wolfgang Maeder sagte am :

    Mit großer Freude habe ich heute diese drei Artikel aus Österreich bekommen!
    Alle Achtung und großes Lob.
    Als Autor des nicht veröffentlichten Buches „Feuerwehren der Stadt Weimar“ hatte ich auch einen Artikel „Röhrenfahrten und Schleusensysteme im alten Weimar“ verfasst.

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